Projekt Beschreibung

Gipfelkreuze 2019

Dieses Jahr gibt es eine besondere Ausstellung bei uns am Karwendelhaus. Mein langjähriger Freund, Ludwig Watteler, ist begeisterter Bergsteiger und Fotograf. Aus diesem Grund haben wir im ersten Stock vom Karwendelhaus eine kleine Auswahl seiner Photographien zum Thema Gipfelkreuze ausgestellt. Es wurden diese Kreuze in ganz bestimmten Stimmungen eingefangen und fotografiert. Wir würden uns freuen, wenn Ihr diese Bilder mal auf Euch wirken lässt. Das eine oder andere kommt Euch sicher bekannt vor.

Auf jeden Fall aber kümmern sich die Menschen zu viel um die photographische Technik und zu wenig um das Sehen.

Henri Cartier-Bresson (1908—2004)

Gipfelkreuze – Projektbeschreibung

Ich bin als Bergsteiger und Fotograf im Sommer und Winter in den Bergen unterwegs.

Eines Tages gab es diesen besonderen Blick, der das Projekt ins Rollen brachte. Ich saß auf einem Sockel unter einem Gipfelkreuz und schaute mit leicht verdrehtem Kopf nach oben zu dem Gipfelkreuz und dem Korpus. Ich fühlte mich beobachtet. Ich begriff die Besonderheit: Die Blickrichtung, Geometrie und die außergewöhnliche Perspektive ergaben die Verbindung zwischen Himmel und Erde.

Streng genommen stellt das Gipfelkreuz ein Kreuz dar, das entweder aus Holz oder Metall gefertigt wurde und das aufwendig auf einem Berggipfel montiert ist, um den höchsten Punkt des Gipfels zu markieren. Sozusagen als Orientierung. Kleine unscheinbare Kreuze haben die gleiche Bedeutung.

Das Kreuz symbolisiert die Vereinigung von Himmel und Erde: Der Längsbalken steht für das Göttliche, während der Querbalken die Verbundenheit mit der Erde und den Menschen ausdrückt.

Grundsätzlich macht es mir Freude in den Bergen unterwegs zu sein und die Gipfel zu besteigen, es geht mir nicht um „höher-weiter-schneller” oder Gipfelzwang. Mancher Gipfel war mühsam zu erreichen. Bei diesen hatte ich das Gefühl, das Ziel intensiver in Augenschein nehmen zu können.

Ich stelle bei meiner Sehweise das Gipfelkreuz mit seiner Einzigartigkeit in den Vordergrund. Es ist egal, ob es sich um eine aufwendige Holzschnitzarbeit oder Metallkonstruktion handelt. Es ist weit mehr als ein flüchtiger Blick. Farbe verblasst, das Gegenlicht schmerzt in den Augen. Das Licht und die Wolken setzen Akzente und je nach Standpunkt kommt es zu einer geometrischen und grafischen Aufteilung, ohne die Symbolik aus dem Fokus zu verlieren.

Ich habe das ganze Spektrum des Wetters erleben dürfen. Sonnenschein, schlechtes Wetter mit Regen, Hagel und Sturm. Genauso wie Nebel. Im Winter gab es die Extremsituation durch Whiteout. In dieser Situation kann man jegliche Orientierung und Perspektive verlieren. Dem Gewitter habe ich mich nicht ausgesetzt, das ist auf einem Gipfel bzw. Grat lebensgefährlich.

Die Bilder finden zusätzlich zu der Bildaussage ihre Besonderheit durch die Präsentation. Schwarzweiß Fine Art Print, Museumskarton mit Schrägschnitt-Passepartout in elegantem Aluminiumrahmen.

© Ludwig Watteler Photographien

ludwig.watteler@photographien.de
www.photographien.de

Gipfelkreuze – Kunsthistorische Betrachtungsweise

Ein Kreuz – aus der Schräge von unten ins Bild gesetzt. Ein wie Treibholz von der Witterung gezeichneter Holz-stamm zieht sich empor, verzweigt sich in klaren Konturen, in Spannung gehalten durch Drahtseile vor einem klaren Himmel.

Seit über zehn Jahren begleiten den Photographen Ludwig Watteler Momente wie dieser. Nach den Strapazen des Aufstiegs zeigt sich dem Bergsteiger ein Gipfelkreuz, mal angeschnitten hinter einer Schnee-wehe, mal halb verborgen unter einer Schneekruste, mal durch Gegenlicht oder Nebel kaum erkennbar.

Er sei von Einheimischen schon einmal augenzwinkernd gefragt worden, ob er das schon könne, das photographieren. Weil er nicht mit dem Kreuz im Rücken das Alpenpanorama in den Blick nimmt, die klassische photographische Trophäe, die bereits die Alpinisten des 18. Jahrhunderts in die Berge gebracht hat. Die Berge sucht man meist vergebens in Wattelers Photographien.

Hingegen nimmt er die Geometrie des Kreuzes in den Blick. Eine Geometrie, die in der theologischen Deutung für die Menschen und das irdische Dasein in der horizontalen Linie, und für das Göttliche, das Unvergängliche im Vertikalen steht. Der Körper Jesu Christi ist auf den Photographien Wattelers mal Teil des Kreuzes, mal nicht. Mal lassen sich die Konturen unter Eis nur erahnen, mal ist die Gestalt Zentrum des Bildes, leblos und ausgezehrt. Nicht selten scheint es um eine kathartische Erfahrung zu gehen, die mit der Sichtung des Kreuzes am Ende eines langen Weges einhergeht und gezielt von der greifbaren Welt abgekoppelt ist.

Für viele Talbewohner sind die Kreuze ein natürlicher Teil des Lebens, der in schweißtreibender Arbeit seinen Weg auf den Berg findet. Gleichzeitig sind sie ein – nicht unumstrittenes – Zeichen der menschlichen Erschließung von Natur, eine menschliche Interpretation der Berggipfel als religiöse Erfahrung, die in die Landschaft eingeschrieben wurde.

Wenn Ludwig Watteler rücklings unter dem Kreuz liegt, um den richtigen Winkel festzuhalten, geht es nicht darum, sich durch das “Bezwingen” eines Berges mit dem klassischen Panorama der Landschaft zu belohnen. Es ist ein anderer Blick. Ein Blick, der sowohl die religiöse Wahrnehmungswelt dieser Zeichen als auch die Handgriffe, die zu ihrer Errichtung geführt haben, spürbar macht.

© Dr. Daniel Bürkner

© Ludwig Watteler Photographien

ludwig.watteler@photographien.de, www.photographien.de